Reiseerlebnisse Berichtet von Uta und Rudolf Nagel


 

Rothaarsteig     September 2004

ein Wanderweg mit vielen Gesichtern

Durch Wander- und Reisezeitschriften wurden wir auf den uns bisher unbekannten Rothaarsteig aufmerksam. Wir lasen, er soll ein 154 km langer Spitzenwanderweg sein, wird als Weg der Sinne bezeichnet, ist bestens markiert und es wird auf eine Vielzahl kleiner Highlights hingewiesen. Erst nach 1997 entstand auf dem Kamm des Rothaargebirges dieser Höhenweg durch Verbinden von Grenz-, Boten- und Handelswegen. Unsere Neugier war geweckt.

Den Haken dieses Wanderweges fanden wir als es ums Klima ging. Wir erfuhren, dass das Sauerland besonders niederschlagsreich ist und dass im Rothaargebirge ein warm - gemäßigtes Regenklima herrscht. Dazu kam, dass die Temperatur auf dem Kamm mit 5-6° C im Jahresmittel deutlich kühler ist als in den Tälern. Abschreckend war das für uns aber nicht.

Wir trafen uns mit unseren Freunden Karin und Karl-Heinz aus Bayern, parkten ein Auto in Dillenburg, dem Ziel unserer Wanderung und fuhren mit dem anderen nach Brilon, dem Startpunkt oder Eingangsportal, wie es offiziell heißt.

Schon zu Beginn unserer Tour fanden wir heraus, dass alles was wir gelesen hatten keinesfalls übertrieben war. Naturnahe Wege führten durch Wiesen und Wälder, an wunderschönen Aussichtspunkten vorbei und teilweise recht steil hinauf zum Kamm des Rothaargebirges, das die Wasserscheide von Rhein und Weser bildet. Den Wasserreichtum dieses Gebirges kann man am gesamten Kammverlauf feststellen. Zu beiden Seiten des Weges findet man viele Quellen von bekannten Flüssen wie Ruhr, Sieg, Lahn und Dill und von unbedeutenden Bächen. Wir allerdings bekamen auch mehr als genug den Wasserreichtum von oben zu spüren. Drei Tage regnete es während unserer Wanderung ohne Unterbrechung und drei weitere Tage waren kräftig mit Schauern durchsetzt. Es kostete manchmal Überwindung, schon am Morgen im strömenden Regen loszugehen und manche Sehenswürdigkeit blieb dadurch leider auf der Strecke oder konnte nicht in gebührender Weise genossen werden. An viel versprechenden Aussichtspunkten mussten wir vorübergehen und auch manches Kunstwerk am Rand des Weges fand zu wenig Beachtung. Wir sahen aber trotzdem sehr viel und die Philosophie dieses Steiges verstanden wir auch. Alle Wege, die wir bisher erwanderten, waren ausschließlich auf die Schönheit der Natur ausgerichtet. Hier wird die Kunst einbezogen, der Nutzen des Waldes und seine Verbindung zu den Menschen wird dem Wanderer nahe gebracht und er kann prüfen inwieweit seine Sinne noch in Ordnung sind. Man ist während der Wanderung ständig beschäftigt und wir waren sehr froh, dass wir dank der hervorragenden Markierung nie Orientierungsprobleme bekamen.

Worauf wir aber keinesfalls vorbereitet waren, war dass die Übernachtung Schwierigkeiten bereiten könnte. Die wenigen Hotels am Rande des Steiges waren durchweg von einem Reisebüro belegt und die Leute, die dort gebucht hatten, stapften ebenfalls wacker, oft pudelnass durch Schlamm und Pfützen. Per Handy versuchten wir nun schon vorher zu buchen und wurden nie völlig abgewiesen. Nach unserer Ankunft am jeweiligen Ziel brachten uns freundliche Wirtsleute meist kilometerweit mit dem Auto zu einer Unterkunft. Das war für uns eine vollkommen neue Erfahrung und wir können allen künftigen Rothaarsteigwanderern nur raten, sich lange vorher mit der Quartierfrage zu befassen. Entmutigen möchten wir aber damit niemanden, denn dieser Hol- und Bringedienst funktioniert fabelhaft. Auch die Sache mit dem Regenwetter sollte keinen abschrecken. Einheimische bestätigten zwar, dass es hier etwas mehr regnet als in anderen Gegenden Deutschlands, aber so extrem wie wir es getroffen haben, ist es sehr selten.

Als wir nach acht Tagen Dillenburg erreichten, war fast schönes Wetter und wir glaubten, dass Petrus nur unser Durchhaltevermögen prüfen wollte.

Wir waren Wanderern begegnet, die diese Strecke in kürzerer Zeit bewältigten, aber viele benötigten auch einige Tage mehr, je nachdem inwieweit man das reichliche Angebot an Sehenswürdigkeiten in Anspruch nahm. Den Rothaarsteig muss man, obwohl es ihn erst wenige Jahre gibt, zu den Klassikern der Wanderwege in Mittelgebirgen zählen.